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Selbstverwirklichung – ein literarisches Konzept um 1800 (Abstract)

Selbstverwirklichung stellt einen jungen Begriff mit nicht allzu langer Tradition dar und wird namentlich zum ersten Mal in Hegels Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie (1816) erwähnt. Dennoch erlebte der Begriff in der Kürze der Zeit eine inflationäre Bedeutungsverschiebung hin zur Zuschreibung oberflächlicher Attribute. Wenngleich der Begriff um 1800 noch nicht in den alltäglichen Sprachgebrauch übergetreten war, so umkreiste er da doch die Begriffe Autonomie, Vervollkommnung, Individuum und Gesellschaft, Bildung, Identität, Perfektibilität. Die folgende Arbeit macht es sich zum Ziel, die Bedeutung von Selbstverwirklichung genauer zu verfolgen. Sie prüft den mehr als lückenhaften Forschungsstand bis zum heutigen Tag und konzentriert sich schließlich auf den historisch ersten Schwerpunkt, die Sattelzeit 1800, um dort am literarischen Beispiel die ‚praktische’ Umsetzung eines Konzepts von Selbstverwirklichung zu untersuchen. Bezeichnend für diese Zeit ist der Gedanke der Perfektibilität des Einzelnen und seine Funktion für die Gesellschaft. In philosophischen und literarischen Schriften wird daher die Entwicklung der Gemeinschaft als das vordergründige Ziel markiert. Damit offenbaren sich aber zugleich die Grenzen des Konzeptes von Selbstverwirklichung: Der Einzelne kann im Drang seiner Verwirklichung entgegen der Gesellschaft stehen (Narzismus) oder sich gedankenlos in diese zum Nachteil seines eigenen Ideals integrieren. Jene Beispiele umreißen Tiecks William Lovell und Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre. Tiecks Briefroman tritt der Thematik skeptisch entgegen und zeigt – in Ablösung von dem ‚Alten-Spätaufklärerischen’ –, was passiert, wenn die an das Individuum herangetragenen pädagogischen Maximen überbeansprucht werden. Zugleich kann hier beobachtet werden, wie sich Selbstverwirklichung in ihr negatives Extrem verkehrt: Fremdbestimmung, Egoismus und Solipsismus. Unter diesen Bedingungen muss sich der Einzelne verfehlen; die Integration in die Gesellschaft muss ebenso scheitern. Was William Lovell bleibt, ist der Tod. Ihm entgegen kann sich Wilhelm Meister nach einem Umweg über das Theater in die (Turm-) Gesellschaft integrieren. Er zahlt allerdings einen nicht geringen Preis, indem er sein Verwirklichungsideal zu Gunsten einer sicheren Existenzgrundlage für seinen Sohn Felix aufgibt. Als drittes Beispiel wird Tiecks Franz Sternbald betrachtet, der ein Konzept von romantischer Selbstverwirklichung vorstellt, das im Grunde im romantischen Wandern und in einer ewigen Sehnsucht wurzelt. Selbstrealisierung verläuft hier über die Kunst und die damit einhergehende Poetisierung des Lebens, die bei Franz Sternbald über den Gedanken an seine Geliebte Marie hervorgerufen wird. Wenngleich Sternbald am Ende zu einem Ort unendlicher Sehnsucht gelangt (Sixtinische Kapelle) und sich damit zum Teil verwirklicht, bleibt auch hier ein Konflikt zurück, der darin besteht, dass er sich nur abseits einer bürgerlichen Gesellschaft verwirklichen kann. Selbstverwirklichung ist aber maßgeblich an äußere Umstände und Faktoren gebunden. Sie ist zugleich ein nicht endender Prozess, der gewissermaßen nie abgeschlossen sein kann (insbesondere dann nicht, wenn er, wie im romantischen Kontext, als ewige Sehnsucht umschrieben wird). Lediglich retrospektiv erscheint es möglich, den eigenen Weg zu bewerten, da das Wesen, wie Hegel schon sagte, eben stets ein ‚Gewesenes’ ist. Franz Sternbald ist diesem Ziel sehr nahe, Wilhelm Meister beschränkt sich zu Gunsten der Gesellschaft, William Lovell aber scheitert gänzlich.

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